Panorama vom 02.02.2017


US-Atombomben in Deutschland: Trumps unberechenbare Macht


Anmoderation

Anja Reschke:

Die Welt ist im Chaos, beschwört Donald Trump, immer und immer wieder.

Irgendwie hängt er wie ein Damoklesschwert über uns. Dieser neue amerikanische Präsident.

Wenn man meint, die ganze Welt sei im Chaos - was heißt das? Dass dann alles erlaubt ist, weil alles egal ist? Man kann durchziehen, was einem einfällt, ohne Rücksicht auf Verluste, denn die Welt ist ja schon ein einziger Kriegsschauplatz. Man will das immer noch nicht richtig glauben: Das meint er nicht so, das macht er nicht, da stoppt ihn doch einer, denkt man sich. Aber man kann sich nicht mehr sicher sein. Trump macht Ärger, wie so ein Schlägertyp, der in die Kneipe kommt und alle aufmischt: Ey, hast Du was gesagt? Wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn. Muslime, Mexikaner, Chinesen, Journalisten – Trump sucht Streit.

Erst handeln, dann reden. Solche Typen gibt es überall. Auch in Regierungen. Nur handelt es sich hierbei eben um die Vereinigten Staaten. Das Land, das Deutschland seit über 70 Jahren beschützt. Unter anderem mit Nuklearwaffen. Und jetzt ist dieser Mann, der keinem Streit aus dem Weg geht, auch Befehlshaber über die Atombomben. Atombomben, die auch in Deutschland lagern. Johannes Jolmes und Robert Bongen



Was hat diese friedliche Gegend in der Eifel mit Donald Trump und der Weltpolitik zu tun?

Viel – und das wissen fast alle hier in Büchel. So mancher schaut mit einer ganz besonderen Sorge auf den neuen amerikanischen Präsidenten.


O-Töne von Einwohnern:

Hier unsere Eifel, kannst du sagen, ist ein Pulverfass.“

Ich finde, das ist beängstigend, das ist kein gutes Gefühl.“
„Ich gehe nachts Zeitungen austragen. Ich gucke mir schon oft den Flugplatz da oben an, da denke ich, wie schnell wär was passiert.“


Gemeint ist dieser Fliegerhorst, nur wenige hundert Meter vom Ortskern entfernt. Denn hier, auf einem Gelände der Bundeswehr, befinden sich amerikanische Atombomben. Gehütet wie ein Staatsgeheimnis. Höchste Sicherheitsstufe.

Irgendwo hier liegen sie. In Bunkern, acht Meter tief in der Erde. Etwa 20 amerikanische Atombomben. Wie diese hier: Typ B61, die Sprengkraft größer als die der Hiroshima-Bombe.

Die Kontrolle über diese Waffen hat seit kurzem Donald Trump. Der Mann, dessen Aussagen zum Thema Nuklearwaffen wenig vertrauenserweckend sind.


O-Töne

Donald Trump,

Präsident der Vereinigten Staaten:

Bei Nuklearem geht es einfach um die Macht. Die Zerstörung ist mir sehr wichtig. [...] In dieser Sache müssen wir einfach unberechenbar sein. Nuklearwaffen sind da die letzte Möglichkeit.

Wenn das Militär ins Spiel kommt, dann wird nicht diskutiert: Erst will ich Action und dann wird geredet.“


Diese Unberechenbarkeit hat Trump sogar zur Strategie gemacht. Niemand weiß, mit wem er sich als nächstes anlegt – und wie der im Zweifel reagiert. Genau das macht die Menschen in der Eifel nervös, die mit seinen Atomwaffen in der Nachbarschaft leben.


O-Töne Einwohner Büchel:

Weil ich Angst haben muss, dass ich in einem Ernstfall als erstes Ziel und die Gegend hier ausgesucht wird, und die Heimat dann aus gelöscht würde.

Wir wissen ja nicht, wie es weitergeht mit dem. Der ist unberechenbar.“


Seit Trump Präsident ist - ist stets ein Soldat in seiner Nähe, der den sogenannten Atomkoffer trägt. Darin die Codes, mit denen er binnen Minuten einen Atomkrieg auslösen kann.

Karl-Heinz Kamp ist Sicherheitsexperte, hat jahrelang in Nuklearfragen mit den USA zusammengearbeitet.


O-Ton

Karl-Heinz Kamp,

Präsident Bundesakademie für Sicherheitspolitik:

In der Tat liegt die letztendliche Befugnis auch rein technisch beim US-Präsidenten, sprich, er kann den Einsatz von Atomwaffen befehlen, beziehungsweise er verfügt über bestimmte Sicherheitsmaßnahmen oder Codes, die er freigeben kann, damit Atomwaffen überhaupt funktionieren, sonst funktionieren die einfach technisch nicht.“


Trump, der Herr über die Atombomben, auch in Deutschland.

Im Kalten Krieg entstand eine Strategie, für die Nuklearwaffen unerlässlich sind – und die bis heute gilt: Die Strategie der Abschreckung. Sie sollte den Krieg verhindern zwischen zwei Blöcken: Ost und West. Bewaffnet mit so vielen Atombomben, um sich gegenseitig auszulöschen. So absurd es klingen mag: Diese Atombomben waren Garant dafür, dass genau das nicht passiert.


O-Ton

Ulrich Kühn,

Carnegie Stiftung für Internationalen Frieden:

Man droht für den Fall, dass die andere Seite etwas macht, dass die andere Seite mit einem Nuklearwaffenschlag rechnen müsse, der dann natürlich dazu führt, dass beide letztlich in einem großen nuklearen Krieg enden. Man droht im Grunde mit einem kalkulierten Selbstmord. Aber je sicherer man mit diesem Selbstmord droht, mit der Willigkeit zu sagen, es bleibt mir nichts anderes übrig, desto mehr schreckt man die andere Seite davon ab, eben genau das zu unternehmen, was man selber nicht möchte.“


Außer in Deutschland haben die USA noch in vier weiteren europäischen Staaten Atomwaffen stationiert. Sie garantieren, dass ein Angriff auf die NATO in einem Gegenschlag endet. Wechselseitiger Selbstmord. Doch was ist wenn ein amerikanischer Präsident Zweifel an diesem Konzept sät?


O-Ton

Donald Trump, Präsident der Vereinigten Staaten:

Die NATO ist obsolet.“

Wir geben astronomisch viel Geld für die NATO aus.“


O-Ton

Ulrich Kühn,

Carnegie Stiftung für Internationalen Frieden:

Im Grunde haben wir jetzt schon ein Problem mit der amerikanischen Abschreckungszusage, weil Trump eben nicht mehr daran interessiert ist, ein wertebasiertes System in Europa zu haben und dafür auch Europa zu verteidigen, sondern er hat nur noch Business-Interessen. Und Business-Interessen können sich verändern.“


O-Ton

Karl-Heinz Kamp,

Präsident Bundesakademie für Sicherheitspolitik:

Er sagt zum Beispiel: na ja, also eigentlich schrecke ich nur noch ab, wenn die Verbündeten auch wirklich das machen, was ich will, sprich: mehr Geld zahlen. Also er setzt Bedingungen. Abschreckung muss aber prinzipiell immer unbedingt sein, ohne Bedingungen. Und damit entwertet er eigentlich die Idee der Abschreckung. Denn in der Abschreckung heißt es: Man steht für den anderen ein. Vielleicht sogar mit dem eigenen Tode. Und das scheint Trump nicht willens zu sein. Und diese Signale werden in Russland auf jeden Fall wahrgenommen.”


In einem Russland, das immer mehr auf militärische Stärke setzt – auch auf Nuklearwaffen.

Seit dem Ukraine-Konflikt und der Annexion der Krim sind die Fronten zwischen NATO und Russland so verhärtet wie seit langem nicht. Immer häufiger kommt es zu Zwischenfällen an der Grenze, die Eskalation blieb – zum Glück – bisher aus.


O-Ton

Ulrich Kühn,

Carnegie Stiftung für Internationalen Frieden:

Wenn es dann die amerikanischen Zusagen nicht mehr gibt, dann ist natürlich die Frage, wenn Deutschland nuklear nicht bewaffnet ist, macht man sich nicht vielleicht erpressbar, wenn Russland eben genau diese Nuklearwaffen ins Feld führt. Das heißt: Hier wird ganz eindeutig von russischer Seite immer wieder das Signal gegeben: „Wir haben diese Waffen.“ Und wir hätten sie halt nicht.“


Sollte Trump seine Atombomben aus der Eifel abziehen, wäre Deutschland atomwaffenfrei. Klingt erst mal gut, ist aber vielleicht keine Lösung.

Es ist eine extrem unpopuläre Debatte, die uns da droht, meint Außenpolitikexperte Jan Techau – und die wir dank der US-Atomwaffen jahrzehntelang nicht führen mussten.


O-Ton

Jan Techau,

American Academy:

Wir haben zur Zeit keine Diskussion darüber, ob Deutschland Nuklearwaffen selbst beschaffen muss, es gibt, sagen wir mal, in Anfängen eine Diskussion über Europa, aber selbst das steckt sehr in den Kinderschuhen, aber die Tatsache, dass das überhaupt erwähnt wird, ist ein Zeichen dafür, dass man sich bewusst ist, um was es eigentlich geht und was auf dem Spiel steht.“


In Berlin wird hinter verschlossenen Türen diskutiert. Offiziell gilt die Devise: Abwarten und die Amerikaner daran erinnern, wie wichtig die Sicherheitsgarantien sind.

Die offene Debatte scheut die Bundesregierung. Zwar brachte der CDU-Sicherheitsexperte Kiesewetter kürzlich eine europäische atomare Abschreckung ins Spiel – sollte sich Trump tatsächlich zurückziehen.

Vor der Kamera wiederholen möchte er das so aber nicht – er habe das als einmaligen Denkanstoß gemeint. Und er wolle nicht noch mehr Öl ins Feuer gießen.

O-Ton

Roderich Kiesewetter, CDU-Obmann

Auswärtiger Ausschuss:

Was die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland, der europäischen Union angeht, darf es insofern keine Denkverbote geben, als wir weiterhin an den Bündnissen NATO und europäische Union festhalten. Aber wenn die Amerikaner beginnen, an dem Selbstverständnis der NATO zu rütteln, dann müssen wir auch überlegen, und das meine ich mit Denkverbot, wie wir die europäische Sicherheit besser organisieren können.“


Eine europäische Lösung? Die Debatte steht noch ganz am Anfang, könnte aber wegen Trumps Unberechenbarkeit schneller akut werden, als es manch einem lieb ist. Und dann könnte es auch um eine Frage gehen, die bisher ein noch größeres Tabu ist: Eine deutsche Atombombe. Rein technisch wäre die wohl möglich, auch wenn sie wegen vieler Verträge momentan nicht erlaubt wäre.


O-Ton

Ulrich Kühn,

Carnegie Stiftung für Internationalen Frieden:

Die Idee einer deutschen Atombombe oder vielleicht sogar einer europäischen Atombombe ist nicht komplett absurd, sollte sich in den nächsten Jahren die Sicherheitslage in Europa und in Deutschland deutlich weiter negativ verändern. Das heißt, Russland bedroht weiterhin den Frieden in Europa und die Amerikaner ziehen sich gleichzeitig zurück, dann möchte ich nicht ausschließen, dass man auch in Deutschland anfängt darüber nachzudenken, wie man sich wirklich verteidigen muss gegenüber Russland.“


Noch liegen Trumps Atombomben in Deutschland, auch nicht gerade beruhigend. Immerhin gibt es einen Trost: die Bomber für den Einsatz kommen von der Bundeswehr, und die ist nicht dem Befehl von Donald Trump unterstellt.


Autoren: Robert Bongen, Johannes Jolmes

Kamera: Thorsten Lapp, Andrzej Król

Schnitt: Claudia Qualmann