Trauerrede von Willi van Ooyen bei der Trauerfeier für Peter Strutynski am 09. Oktober 2015 in Kassel

Liebe Erika, liebe Katharina, lieber Oliver, liebe Anverwandte,

liebe Mitstreiterinnen für eine friedliche und bessere Welt.

Wir alle haben uns schon auf den verschiedensten Demonstrationen, bei unterschiedlichsten Veranstaltungen getroffen und hätten dies auch lieber mit Peter weiterhin getan, anstatt jetzt von ihm Abschied nehmen zu müssen.

Peter war der Motor der Friedensbewegung: klug analysierend, inhaltlich präzise formulierend, pädagogisch vermittelnd, um es entschieden umzusetzen. So kannten wir ihn.

Meine erste Begegnung mit Peter stand im Zusammenhang mit dem Krefelder Appell. Nach der Tagung am 15. November 1980 in Krefeld, die dem Appell den Namen gab, trafen wir uns regelmäßig nicht in dunklen Hinterzimmern, sondern zum Mittagessen in der Casa Manolo; hier an der Holländischen Straße – direkt gegenüber seinem Büro in der Kasseler Universität. Mit dabei war meistens auch Werner Ruf.

Damals war ich Geschäftsführer der Deutschen Friedensunion in Hessen und verantwortlich für das fortschrittliche Bürgertum – also den Niemöllers, Ridders, den Pfarrern und Professoren halt; und nicht zuständig für die Arbeiterklasse. Wir bereiteten das Kasseler Friedensforum vor, das dann im August 1981 als eines der ersten großen, dezentralen Foren in der Republik stattfand. Namen wie Petra Kelly, Gert Bastian, Uta Ranke Heinemann, Christoph Strässer, Josef Weber will ich hierzu erwähnen.

Diese Treffen in der Casa waren vergnüglich und kulinarisch sehr angenehm und sie hatten Folgen: die Ostermärsche, die zu großen Massenveranstaltungen wurden – auch hier in Kassel, die Mobilisierung für die Großveranstaltungen in der Dortmunder Westfalenhalle, im Ruhrstadion in Bochum, bei den großen Friedensdemonstrationen im Bonner Hofgarten.

Immer ging es Peter dabei auch um inhaltliche Vermittlung von Zusammenhängen von Krieg, Rüstung und sozialer Ungerechtigkeit. Seine marxistische Grundüberzeugung schimmerte bei den Aufrufdiskussionen immer durch.

Aber es gab ja nicht nur den Aufbruch zu immer neuen Großveranstaltungen, sondern auch die Mühen der Ebenen. Diese nutze Peter gemeinsam mit Kolleginnen der Universität, um die Friedensvorlesungen als ein dauerhaftes, aufklärendes Format durchzuhalten.

Nach dem Kohlschen Satz (1984): „Die demonstrieren - wir regieren“, wurde die von Schmidt geforderte Pershing-Aufstellung in unserem Land durchgesetzt. Das Wettrüsten, vor dem die Friedensbewegung immer gewarnt hatte, wurde weiter angeheizt. Dennoch wurden die Ostermärsche fortgesetzt, der Friedenskalender war in jedem Jahr voll: Hiroshima, Antikriegstag, …

Durch die Kontinuität der Arbeit und sicherlich auch durch Peters Zähigkeit angetrieben, gab es immer auch größere Aktionen der Friedensbewegung, die sich mit seinem Namen verbinden. In diesen Jahren wurde das gesellschaftliche Bewusstsein in unserem Land friedenspolitisch geprägt. Peter formulierte es so: „Die Aufklärungsarbeit der Friedensbewegung hat dazu beigetragen, dass die einst so militaristische deutsche Bevölkerung heute mehrheitlich den Krieg ablehnt.“

Für uns alle waren der Zusammenbruch des Warschauer Paktes und der Fall der Mauer ein dramatischer Einschnitt, den wir nur schwer verdauen konnten. Dennoch war es Peter, der aus der Not eine Tugend machte und die Gelegenheit ergriff, das Zusammengehen der Friedenskräfte in Ost und West zu organisieren. Es wurden mit dem Friedensrat gemeinsame (Thüringer) Seminare organisiert. Das wichtigste fand im Frühjahr 1994 in Gräfenroda statt, bei dem der erste bundesweite Friedensratschlag, der dann im November des gleichen Jahres in Kassel stattfand, vereinbart.

Es gab viele Stationen an denen wir gemeinsam demonstrierten. Ich will an den 2. Golfkrieg im Jahre 1991 erinnern, da drängten noch Sozialdemokraten und Grüne auf die Kundgebungsbühnen. An den verbrecherischen Krieg gegen Jugoslawien will ich erinnern, den Rot/Grün zu verantworten hat. An den Irak-Krieg und natürlich an Afghanistan.

Peter war aber auch die Denkfabrik der Friedensbewegung. Ihr alle kennt seine Arbeit und seine Texte, die zur Grundorientierung in der Friedensbewegung wurden. Die Aufrufe, Artikel und Bücher werden auch für die nächste Generation der Aktivisten der Bewegung noch wertvolle Begleiter sein.

Es war für uns alle ein erster Schock, als Peter, kaum im „Ruhestand“, das erste Mal den Kampf mit dem Krebs aufnahm. Wir waren es gewohnt, dass Peter die Sitzungen des Bundesausschusses vorbereitete. Er fehlte. Er erholte sich aber wieder und es schien, als würden die nächsten Ratschläge wieder von ihm vorbereitet werden. Es war ein auf und ab. Er trat noch im letzten November bei uns in Frankfurt im Gewerkschaftshaus zum Ukraine-Konflikt – das Thema beschäftigte ihn sehr - als Redner auf.

Noch im Juli dieses Jahres, als wir mit Erika und ihm auf der Terrasse in der Geysostraße saßen, war er voller Optimismus, dass er nach der anstehenden Kur wieder mit dabei sein könnte. Die ganzen schwerwiegenden Eingriffe auf dem Krankenbett schienen überwunden. Er war hellwach und hatte tausende Fragen und Ideen.

Den neuesten Tumor – nach der gut verlaufenen Kur – konnte er nicht mehr überwinden. Ich bin dankbar, dass ich einen Abschnitt seines intensiven und prall gefüllten Lebens begleiten durfte. Ich habe von ihm viel gelernt.

Peters Wirken, seine Einfühlsamkeit und Beständigkeit hat zur Schaffung von Strukturen beigetragen, die weiterhin Bestand haben werden.

Die Erinnerung an einen tapferen, klugen und kämpferischen Menschen wird uns allen bleiben.