Mediennutzung für Friedensbewegte im digitalen Zeitalter

von Karl-Heinz Peil, Friedens- und Zukunftswerkstatt e.V., Frankfurt a.M.

Die diesjährigen Ostermärsche waren geprägt von Kontinuität durch stabile Teilnehmerzahlen – was aber der dramatisch wachsenden globalen Kriegsgefahr überhaupt nicht gerecht wird. Auf dieses Defizit gibt es natürlich keine einfache Antwort. Einer der wesentlichen Gründe soll hier behandelt werden.




TTIP stoppen! Eine erfolgreiche Kampagne

Zum Vergleich lohnt ein Blick auf den globalen TTIP-Aktionstag am 18. April – zwei Wochen nach Ostern. Während bei der Ostermarschkampagne mit über 80 Einzelaktionen etwa 10.000 Menschen mobilisiert wurden, waren es beim TTIP-Aktionstag allein in Deutschland bei etwa 200 Einzelaktionen weit mehr als 20.000 Teilnehmer. Auf den ersten Blick mag das verwundern, da Krieg oder Frieden für uns alle von existenzieller Bedeutung ist, während TTIP eine relativ komplexe Thematik darstellt. Warum im Geheimen verhandelt wird und welche Konsequenzen die vorgesehenen internationalen Schiedsgerichte haben, ist erklärungsbedürftig.

Um den Heilsversprechen des transatlantischen „Freihandels“ (klingt gut!) massenwirksam überzeugende Argumente entgegen zu setzen, bedarf es deshalb auch einer professionellen Mediennutzung, was in diesem Fall eindeutig erfolgreich gegeben ist.

1. Wirft man im Internet einen Blick auf die Video-Plattform YouTube mit TTIP als Suchbegriff, so stößt man auf mehrere sogenannte Erklärvideos, in denen mittels einfacher Animationen komplexe Sachverhalte in zumeist 3 bis 4 Minuten anschaulich dargestellt werden und eine sehr hohe Reichweite erzielen. Die Realisierung solcher Videos ist natürlich nicht kostenlos zu haben, mittlerweile aber auch für soziale Bewegungen durchaus erschwinglich.

2.. Trotz aller notwendiger Kritik an ARD und ZDF: es gibt immer noch gut recherchierte, kritische Reportagen und Dokumentationen zu politischen Themen. Findet man Doku-Sendungen bei Arte noch zur besten Sendezeit in voller Länge, so hingegen bei ARD und ZDF meistens erst zu mitternächtlicher Zeit und teilweise gekürzt. Eine politisch interessante Sendung kann man aber heute praktisch nicht mehr verpassen. Nicht nur auf den Online-Mediatheken der Fernsehsender, sondern auch auf YouTube findet man gute Berichte in voller Länge und auch auszugsweise – im Unterschied zu den Mediatheken der Fernsehsender zeitlich unbegrenzt.

Viele TTIP-kritische Webseiten verweisen auf diese (YouTube-)Videos. Im Falle von TTIP findet man auf YouTube viele Beispiele guter Recherchen und auch entlarvende Interview-Äußerungen von Politikern wie Sigmar Gabriel.

3. Vor allem bei Umweltthemen gibt es Unterschriftenkampagnen von Campact, eine Organisation, die sich selbst wie folgt definiert:

Campact organisiert Kampagnen, bei denen sich Menschen via Internet an gesellschaftlichen Debatten beteiligen können. Der Campact-Newsletter verbindet bereits 1654220 politisch interessierte und aktive Menschen.

Sie unterzeichnen Appelle, informieren Freund/innen, unterstützen Campact-Kampagnen durch Spenden oder Fördererbeiträge und werden im Rahmen von Aktionen vor Ort, Aktionstagen oder bundesweiten Demonstrationen aktiv.

Schnelles Handeln verbindet Campact mit phantasievollen Aktionen, die Öffentlichkeit für eine sozial gerechte, ökologisch nachhaltige und friedliche Gesellschaft herstellen.

Für die „selbstorganisierte europäische Bürgerinitiative gegen TTIP und CETA“ wurden bisher von Campact über 1,7 Mio. Unterschriften gesammelt.

Online-Petitionen statt Unterschriftenlisten?

Natürlich sind 1,7 Millionen Unterschriften, die elektronisch „per Mausklick“ geleistet wurden, qualitativ nicht vergleichbar mit dem mühseligen Sammeln von Unterschriften per Hand. Der Krefelder Appell gegen die Stationierung von Atomwaffen in Deutschland Anfang der 80er Jahre brauchte allerdings erheblich längere Zeit, um auf insgesamt vier Millionen Unterschriften zu kommen.

Allerdings sollte man nicht Online-Petitionen als „Klicktivismus“ abqualifizieren. Anlässlich einer Kontroverse in dem Online-Magazin Telepolis wurde dazu in einem Gastbeitrag von Campact konstatiert:

Für Campact-Aktive ist der Klick auf einen Online-Appell nicht das Ende des Engagements. Im Gegenteil: Er ist für viele der niedrigschwellige Einstieg, dem weitere Schritte folgen.

Nur wenige Menschen haben die Zeit zum Vollzeit-Aktivisten. Gerade für Berufstätige und Eltern, aber auch für immer stärker eingespannte Studentinnen und Studenten ist die Schwelle zur politischen Beteiligung oft sehr hoch. Über Campact können sie dennoch effektiv politisch Einfluss nehmen. Sie wissen, dass hinter dem Klick bei Campact eine durchdachte politische Strategie steckt, und die politischen Forderungen beim richtigen Adressaten landen.

Die genannten Beispiele mit digitalen Medien lassen erahnen, warum die TTIP-Kampagne so erfolgreich ist. Ein Gradmesser für diesen Erfolg ist z.B. ein Kommentar in der FAZ vom 23.4. unter dem Titel: „Wo sind die Fürsprecher? - Hilflos für TTIP“. Darin wird beklagt, „dass die Proteste nicht dem Muster folgen“, das man bisher diesbezüglich identifiziert hat.

Für die Friedensbewegung gibt es deshalb gute Gründe, stärker an andere soziale Bewegungen anzudocken. Schließlich geht es gegen TTIP auch um den Kampf gegen eine als solche sich in Position bringende „Wirtschafts-Nato“. Natürlich darf das nicht zu Lasten der „eigenen“ friedenspolitischen Themen gehen, was jedoch nicht passieren wird, wenn man sich die Lerneffekte aus Kampagnen anderer sozialer Bewegungen zu eigen macht.

Der Trend: Audiovisuell statt Leselektüre

Das bereits genannte Videoportal YouTube eignet sich auch als Werkzeug für eigene TV-Kanäle. Für Friedensbewegte besonders interessant ist Weltnetz.tv, das vor 5 Jahren begründet wurde und sich als Plattform für alternativen Videojournalismus versteht.

Weltnetz.tv schließt eine Lücke in der alternativen deutschen Medienlandschaft. Seit dem Start Mitte Juni 2010 baut dieses Portal eine Plattform für linken und unabhängigen Videojournalismus auf. Weltnetz.tv dient als Knotenpunkt verschiedener Internet-Projekte, um im Sinne unabhängiger Berichterstattung eine Gegenöffentlichkeit zu stärken und zu verbreiten. Das Portal versteht sich keinesfalls als Konkurrenz zu diesen Angeboten, sondern will ihre Verbreitung unterstützen und durch eigene Beiträge ergänzen.

Zugleich bietet weltnetz.tv eine redaktionelle Aufbereitung der eingestellten Videos. Fremdsprachige Beiträge von der internationalen Ebene werden mit Begleittexten, Untertiteln oder Synchronspuren versehen. So bekommt das deutschsprachige Publikum alternative Sichtweisen auf das globale Geschehen von Lateinamerika über die USA, Europa und die ehemaligen Kolonialstaaten der Trikont-Region.“

Audiovisuelle Formate sind leichter und flexibler „konsumierbar“ gegenüber Lesetexten, was auch mit der verstärkten Smartphone-Nutzung zusammen hängt. Es bedarf deshalb Diskussionen darüber, welche eigenen Inhalte künftig verstärkt in diesen Formaten angeboten werden sollten.

Wieviel Leselektüre ist für Friedensaktivisten leistbar?

Trotz der zunehmenden Rolle der Online-Medien haben immer noch die Printmedien vorrangige Bedeutung, bei denen jedoch – entsprechend dem allgemeinen Trend – eine zunehmende Verzahnung mit parallel dazu vorhandenen bzw. erweiterten digitalen Angeboten erfolgt.

Websites von Organisationen und AktivistInnen der Friedensbewegung – auch zu einzelnen Kampagnen - sind im Netz zahlreich und leider auch unübersichtlich vorhanden. Deren Zugriffsstatistiken (Klick-Raten) werden aber häufig überschätzt bzw. falsch interpretiert.

Mailinglisten sind vor allem bei Bündnisaktivitäten heute ein gängiges Mittel für eine schnelle Vernetzung. Diese können durchaus sehr effizient sein, führen aber überwiegend zu einem inflationären Mailverkehr. Ebenso gibt es zahlreiche Rundmails zu friedenspolitischen Themen von Verfassern mit zu viel Sendungsbewusstsein.

Insbesondere für langjährige FriedensaktivistInnen stellt sich die Frage nach einem Umdenken in der gesamthaften Mediennutzung, womit sich aber vor allem Chancen zur Gewinnung von jugendlichen FriedensaktivistInnen bieten, mit deren medialen Präferenzen.