Kompendium der Medienkritik:
Zivilgesellschaftliche Gegenwehr zu Kriegspropaganda und Kriegslügen

Jens Wernicke: Lügen die Medien? Propaganda, Rudeljournalismus und der Kampf um die öffentliche Meinung. Westend-Verlag 2017, 360 S., 18 Euro

von Karl-Heinz Peil *)

Jens Wernicke stellt mit seinem Buch die heikle, aber direkte Frage: "Lügen die Medien?" Korrekt, aber etwas umständlicher hätte der Titel auch lauten können: "Warum sich die Frage 'Lügen die Medien?' nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten lässt".
Um differenzierte Antworten auf den von Rechtspopulisten in den Ring geworfenen Begriff "Lügenpresse" zu finden, bedarf es Analysen von unterschiedlichen Fachleuten: Medien-Wissenschaftler, Journalisten und andere Experten. Jens Wernicke hat über mehrere Jahre hinweg auf der medienkritisch führenden Website "Nachdenkseiten" in zahlreichen Interviews diese Thematik intensiv befragt.
Mit der strukturierten Zusammenstellung von Interviews in drei Kapiteln entsteht ein systematisches Bild darüber, welche Kräfte die öffentliche Meinung manipulieren („Die Macher“), welche personellen Ressourcen hierfür benutzt werden („Die Denker“) und wie Mediennutzer damit umgehen („Die Zivilgesellschaft“). „Denker“ sind nicht nur Journalisten mit einer „Schere im Kopf“, sondern mehr noch die Nachrichtenagenturen, PR-Industrie und Lobbyisten.
Zivilgesellschaftlich war es vor allem die Ukraine-Krise in 2014, wo das mediale Trommelfeuer gegen Russland zu einem sprunghaften Anstieg des Misstrauens gegenüber den etablierten Medien führte. Kriegspropaganda und Kriegslügen stellen deshalb auch einen inhaltlichen Schwerpunkt in dem Buch dar, was in mehreren Beiträgen auftaucht. Gerade bei Fragen von Krieg und Frieden spielt die Gewichtung oder Vernachlässigung bestimmter Themen bzw. Aspekte in Konfliktsituationen eine wesentliche Rolle, bis hin zu
„Mit Fakten lügen“, wie ein Beitrag überschrieben ist.
Wer verstehen möchte, inwieweit man den Medien (ver)trauen kann, kommt deshalb um dieses Buch nicht umhin. Die Einzelbeiträge sind eingerahmt von Tabellen, Grafiken und Erläuterungstexten. Da diese auch unabhängig voneinander lesbar sind, kann das Buch auch als gezieltes Nachschlagewerk behandelt werden.
Das Buch ist damit ein umfassendes Kompendium der (deutschen) Medienlandschaft, d.h. den Akteure und deren Methoden, sowie den hiervon ausgehenden Mechanismen der größtenteils eher subtilen Manipulation der öffentlichen Meinung. Dieses wird behandelt von den Ursprüngen der Propaganda (Edward Bernays / Josef Goebbels) bis hin zu aktuell im politischen Diskurs befindlichen Begriffen, wie "Lügenpresse", „Verschwörungstheorien“ und "Fake News".
Für eine Gesamtbewertung des Buches sollte auch der praktische Gebrauchswert im Sinne einer Förderung individueller Medienkompetenz beurteilt werden. Das soll heißen: die zu entwickelnde Fähigkeit, eigenständig politische Darstellungen in den Medien auf Wahrheitsgehalt, Verzerrungen, spekulative Aussagen, subtile Manipulationen, Unterschlagungen und evtl. eindeutige Lügen beurteilen zu können. Im letzten Teil des Buches stellt der Autor gegenüber der Medienwissenschaftlerin Sabine Schiffer die Frage: „Gibt es eine Art ‚Handwerkskiste der Medienkompetenz‘“? Unabhängig von der an dieser Stelle kontextspezifischen Antwort kann man das Buch von Jens Wernicke durchaus als Handwerkskiste zur wesentlichen Verbesserung der eigenen Medienkompetenz bezeichnen.
Deshalb ist dieses Buch unentbehrlich z.B. für all diejenigen, die bei alltäglichen Darstellungen zu Konfliktfeldern dieser Welt mit Kriegsgefahren und bereits vorhandenen kriegerischen Auseinandersetzungen bisher mit einem Bauchgefühl die Berichte in der Mainstream-Tagespresse und den öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Rundfunk-Medien skeptisch gesehen haben. Das heißt: Mit einer sicheren
Beurteilung sind die meisten Mediennutzer überfordert, da die etablierten Medien immer noch eine Deutungshoheit genießen, die es aufzubrechen gilt.
Die praktische Frage für Mediennutzer ist deshalb, welche Autoren(beiträge) als vertrauenswürdig anzusehen ist. Ein erster Ansatz dazu ist dieses Buch, in dem 24 kompetente Autoren vertreten sind, deren Analysen sehr fundiert und differenziert sind. (Dazu gehören auch unterschiedliche Bewertungen wie zum Umgang mit dem Begriff Lügenpresse.) Nach der Lektüre dieses Buches sollte man ein Augenmerk haben auf fortlaufende, tagesaktuelle Analysen dieser Autoren, die häufig vertreten sind auf Internetseiten wie z.B. den Nachdenkseiten oder den seit März 2017 online befindlichen Rubikon News. Letzteres wurde von Jens Wernicke initiiert. Diese Homepage enthält auch eigene Rubriken mit Infos über die hier vertretenen Autoren sowie die Auflistung des wissenschaftlichen Beirates, der dieser Website beratend zur Seite steht. Das heißt, nicht nur die dort fortlaufend eingestellten Beiträge – in denen Medienkritik eine große Rolle spielt – sondern die sichere Beurteilung der jeweiligen Autoren stärken die eigene Medienkompetenz.

*) Anmerkung: Der Verfasser dieser Buchbesprechung ist verantwortlich für die Website www.friedensratschlag.de und der dort vorhandenen Rubrik Medienkritik, wo friedenspolitisch relevante Beiträge verlinkt werden.